!!!!!!ACHTUNG!!!!!!
!!!!Spoilergefahr!!!!
Nicht weiterlesen wenn du Projekt Schimäre - Der Verfall noch nicht gelesen hast!
Die folgende Kurzgeschichte spielt zwischen den Ereignissen aus Der Verfall und dem Beginn von Projekt Schimäre - Der erste Krieg

 

Undercover

 

„Haltet den Dieb! Er hat meinen Beutel geklaut!“ Der Schrei des Eichhörnchens hallte über den Marktplatz. Die Tiere in der Nähe schauten sich verwirrt um und niemand bemerkte den Hasen, der gerade mit einem Beutel in der Hand an ihnen vorbei rannte. Nur Nanuk bemerkte den Dieb und setzte ihm nach. Der Husky versuchte den flinken Hasen zu erwischen, doch der Markt der Baumstadt war mal wieder überfüllt mit allen möglichen Tieren. Der Hase nutzte jedes noch so kleine Schlupfloch, doch Nanuk hatte Mühe ihm zu folgen. Er hatte den Hasen fast aus den Augen verloren, als dieser plötzlich stolperte und zu Boden fiel. Nanuk versuchte sich durch die Menge zu quetschen, um den Hasen zu verhaften, doch ein Fuchs tauchte vor ihm auf und begann den Hasen am Boden zu fesseln. Nanuk schaute mit interessiertem Blick auf das Geschehen vor ihm. Dieser Fuchs gehörte nicht zur Polizei, denn Nanuk kannte seine Kollegen. Er sah aber auch nicht wie ein Bürger der Baumstadt aus. Die Kleidung, die der Fuchs trug zeugte von einer langen Reise, genauso wie der Rucksack, den der Fuchs auf dem Rücken trug. Inzwischen hatte sich eine Traube um das seltsame Bild vor Nanuk gebildet. Es wunderte ihn nicht, denn der Hase brüllte und strampelte, während der Fuchs auf ihm kniete und ihn zu Boden drückte. „Da! Da ist mein Beutel!“ Das bestohlene Eichhörnchen kam aus der Menge hervor und lief auf die beiden Gestalten am Boden zu. Es griff nach dem Beutel, der vor der Nase des Hasen lag und öffnete ihn. Nanuk sah die Erleichterung im Gesicht des Händlers, als er erkannte, dass alle seine Eicheln noch vollzählig vorhanden waren. Der Fuchs hatte den Hasen inzwischen vollständig gefesselt und wieder auf die Füße gezogen. Nanuk trat nun aus der Menge heraus und gab sich als Polizist zu erkennen.
„Vielen Dank für diese Zivilcourage Bürger.“ Nanuk schaute in die Augen des Fuchses und bekam das Gefühl, dass irgendetwas besonderes an ihm war. Er konnte jedoch nicht erklären, was es war.
„Wieder mal typisch! Wenn die Arbeit getan ist, dann taucht die Polizei auf. Wann tut ihr endlich mal was gegen diese Verbrechersyndikate?“ Ein Specht schien auszusprechen, was die Menge dachte, denn ein zustimmendes Murmeln kam auf.
„Ich bitte euch ruhig zu bleiben. Dieser Dieb ist keineswegs Teil der Syndikate.“ Scheinbar schien Nanuks Ansage die Tiere zu beruhigen. Entweder das, oder sie hatten bereits das Interesse verloren, denn die Tiermenge löste sich langsam auf. Nanuk griff nach dem gefesselten Hasen und wandte sich nun dem Fuchs zu. „Vielen Dank nochmal. Ohne dich hätte ich diesen Hasen nie erwischt. Ich bin übrigens Nanuk.“ Der Husky streckte dem Fuchs die freie Hand entgegen, die dieser ergriff und schüttelte.
„Ich bin Zaki.“
„Du bist nicht von hier oder?“ Nanuk konnte nicht erklären, was es war, aber irgendetwas an Zaki weckte sein Interesse.
„Nein, ich komme aus dem Buchental. Ich habe aber eine längere Reise hinter mir.“ Zaki grinste. Nanuk fand den Fuchs sympathisch.
„Wie wärs, wenn ich dich als Dankeschön für deine Hilfe auf einen Drink einlade? Ich bringe nur schnell unseren Ausreißer hier auf die Wache und danach könnten wir uns treffen. Da drüben gibt es eine ziemlich gute Bar. In einer Stunde?“ Nanuks Interesse an Zakis Geschichte war geweckt und zu seiner Freude nahm der Fuchs an.
 
„Du verarschst mich!“ Nanuk saß mit offenem Mund da, als Zaki seine Geschichte beendet hatte. Er konnte nicht fassen, was er da gehört hatte.
„Nein, keinesfalls. Das ist alles so passiert, so wahr ich hier sitze.“ Zaki grinste erneut und Nanuk musste lachen. Der Husky hatte einen guten Riecher, wenn jemand log. Das lag an seiner Tätigkeit als Polizist. Bei Zaki hingegen war er sich zu einhundert Prozent sicher, dass er die Wahrheit sagte. So absurd die Geschichte auch klang, doch es war nicht von der Hand zu weisen, dass ein seltsamer Regen ein Gefühl der Freiheit in ihm und vielen anderen Tieren ausgelöst hatte, als wäre eine schwere Last von ihnen gefallen. Ebenfalls war bekannt, dass unter den Gangsterbossen der Syndikatsbanden das Gerücht herumging, dass Jakhar und seine rechte Hand Lucian tot seien. Alles, was Zaki erzählte war also schlüssig und vollkommen wahr.
„Und was machst du jetzt? Wieso bist du hier in der Baumstadt?“
„Als ich nach Hause kam, musste ich feststellen, dass mein Haus abgebrannt war. Meine Freunde hatten mir angeboten bei ihnen zu wohnen, bis ich was anderes gefunden hätte, doch ich wollte mein Glück wo anders versuchen. Naja und jetzt bin ich hier.“ Zaki hatte bisher kaum etwas von seinem Bier getrunken, das Nanuk ihm spendiert hatte. Nanuk konnte nicht übersehen, dass Zaki einen tiefen Schmerz mit sich schleppte. Er traute sich jedoch nicht danach zu fragen. Noch nicht. Doch ihm lag eine andere Frage auf der Zunge.
„Hör zu. Mein Boss Basko und ich haben vor eine Truppe aus Polizisten zusammenzustellen, die den Kampf gegen die Syndikate aufnimmt. Nächstes Jahr ist die Wahl zum Kanzler der Baumstadt und Basko möchte dort gewinnen, um viele Missstände in der Stadt zum besseren wenden zu können.“
„Ich bin kein Polizist.“ Zaki war nicht überzeugt. Nanuk wollte allerdings nicht locker lassen.
„Das macht nichts. Komm einfach mit und ich stelle dich Basko vor. Wir finden schon eine Aufgabe für dich.“ Nanuk setzte den besten Hundeblick auf, den er auf Lager hatte und scheinbar wirkte er, denn Zaki musste lachen.
„Ok, wenn du so lieb schaust kann ich ja nicht ablehnen oder?“
 
 
Das Büro des Schäferhundes war sehr klein. Niemand hätte vermutet, dass es dem Chef der Polizeistation gehörte, doch Basko hatte sich daran gewöhnt auf diesem engen Raum zu arbeiten. Es klopfte an der Tür und Basko schrak aus seinen Papieren und Berichten auf.
„Herein!“ Die Tür öffnete sich und Nanuk kam mit Zaki im Schlepptau herein. „Nanuk? Was gibt es?“
„Ich möchte dir jemanden vorstellen. Das hier ist Zaki. Er hat mir heute geholfen den flüchtigen Hasen auf dem Marktplatz zu fassen.“ Nanuk und Zaki setzten sich auf zwei Stühle, die direkt vor Baskos Schreibtisch standen und den Rest des kleinen Büros in Anspruch nahmen.
„Wirklich? Freut mich dich kennenzulernen Zaki.“ Basko reichte Zaki die Hand und dieser erwiderte die Geste.
„Erinnerst du dich an die Gerüchte, dass Jakhar und Lucian tot seien? Sie sind wahr! Zakis Geschichte ist der Wahnsinn!“ Nanuk wartete nicht auf eine Antwort von Basko, sondern sprach direkt weiter. „Ich glaube er könnte uns im Kampf gegen die Syndikate helfen!“ Basko hob eine Augenbraue und schaute abwechselnd von Nanuk zu Zaki.
„Er ist kein Polizist. Wie soll er uns denn bitte helfen?“
„Gerade weil ich kein Polizist bin, bin ich einer eurer wertvollsten Verbündeten.“  Zaki war bisher ruhig geblieben, doch hatte er sich bereits etwas überlegt, denn Nanuks Vorschlag war tatsächlich interessant für ihn.
„Wie bitte? Wie soll ich denn das verstehen?“ Basko lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme.
„Ihr wollt die Syndikate bekämpfen, doch wie ich mitbekommen habe, sind sie euch immer einen Schritt voraus. Nanuk hat mir erzählt, dass ihr die korrupten Polizisten bereits beseitigt und die losen Stellen durch neue Polizisten ersetzt habt. Aber trotzdem wisst ihr nie, was sie vorhaben, bis es bereits zu spät ist.“
„Worauf willst du hinaus?“ Baskos abwehrende Haltung hatte sich nicht verändert.
„Ihr braucht jemanden auf der anderen Seite. Einen Undercoveragenten. Jemand, der euch sagt, was die Syndikate vorhaben, bevor es zu spät ist. Von euch kann es niemand machen, denn sie kennen euch. Ich hingegen bin ein Unbekannter. Jemand, der sie unterwandern und euch Informationen geben kann.“
„Ich muss sagen, dass könnte klappen.“ Nanuk hob eine Augenbraue und schaute zu Basko, der seine abwehrende Haltung mittlerweile aufgelöst hatte. Der Schäferhund dachte nach.
„Wenn wir das machen, muss dir allerdings klar sein, dass das ziemlich gefährlich wird.“  Basko hatte immer noch Bedenken. Kein Wunder, denn er kannte Zaki nicht und wusste nicht, was er konnte, doch Nanuk schien ihm zu vertrauen.
„Das ist mir bewusst, aber ich hab schon schlimmeres überstanden.“
„Gut, dann machen wir das so. Nanuk soll sich um alles kümmern und dich einweisen. Ich erwarte regelmäßig Bericht.“ Basko stand nun auf und ging an das kleine Fenster, das hinter seinem Schreibtisch war und schaute nach draußen. Nanuk und Zaki standen auf und verließen nun ihrerseits ebenfalls das Büro.
 
 
„Und du bist sicher, dass die Information stimmt?“ Basko wollte ganz sichergehen, dass Zakis Bericht stimmte. Bisher hatten sie zahlreiche Angriffe der Syndikate auf die Öffentlichkeit bereits im keim ersticken können. Alle Erfolge gingen auf Zaki zurück, der sie stets mit Informationen belieferte, doch dieses Mal schien es zu gut um wahr zu sein. Zaki hatte es geschafft nach Monatelanger Undercoverarbeit ein Mitglied von Delwyns Bande zu werden. Delwyn war ein aggressiver Pudel und mit Abstand der mächtigste Gangsterboss der Syndikate.
„Wenn ich es dir doch sage. Unter Delwyns Leuten gibt es gerade kein anderes Gesprächsthema, als dass sie Jakhars Villa ausräumen und die ganze darin gelagerte Technologie erbeuten wollen.“ Zaki war unruhig. Es war jedes Mal ein Risiko sich in der Polizeistation zu melden.
„Dann sollten wir schleunigst eine Falle vorbereiten.“ Nanuk brannte darauf diesen Pudel zu verhaften. Wenn sie Delwyn erwischen könnten, dann hätten sie einen wichtigen Schritt im Kampf gegen das Verbrechen gemacht.
„Der Meinung bin ich auch. Das wird einen großen Pluspunkt bei den Wahlen ergeben. Wenn ich gewählt werde, dann kannst du immer noch ein Ministerium übernehmen, Zaki.“
„Danke, aber das lehne ich wie jedes Mal ab.“ Zaki wusste es zu schätzen, dass Basko seine Arbeit mit einem eigenen Ministeriumsposten ehren wollte, doch Zaki wollte Dinge verändern und nicht an irgendeinem Schreibtisch versauern.
„Na gut, wenn es das ist was du willst. Du weißt aber, dass ich dich bei der nächsten Gelegenheit wieder Fragen werde?“
„Das darfst du gerne tun. Ich hoffe nur du weißt, dass ich wieder ablehnen werde?“ Zaki und die beiden Polizisten lachten, doch dann stand Zaki auf. „Ich muss los, bevor Delwyn bemerkt, mit wem ich Kontakt habe.“
„Sei vorsichtig! Auch bei dem Einsatz solltest du versuchen dich davon zu machen. Deine Tarnung darf nicht auffliegen, wenn wir dich danach in Ricarios Bande einschleusen wollen.“ Zaki grinste. Es war nicht nötig, dass Nanuk sich solche Sorgen um ihn machte.
„Mach dir da mal keinen Kopf. Ich bin sowieso nicht an der Aktion beteiligt. Ich soll eine Nachricht an Ricario überbringen. Bei der Gelegenheit werde ich mich gleich bei ihm einschleimen. Das Bündnis, das Delwyn vorschlagen will wird sowieso nie zustande kommen.“ Zaki zog die Kapuze seiner Jacke auf und verdeckte sein Gesicht, bevor er Baskos Büro verließ.
 
Die Spannung, die in der Luft lag löste bei Nanuk Gänsehaut aus. Rasoul, der Falke und Stibor der Hirsch waren an seiner Seite und gemeinsam warteten sie auf den Beginn des Einsatzes. Die beiden Männer waren frische Rekruten, die mittlerweile zum großen Teil die Baumstädter Polizei ausmachten. Nanuk mochte sie, denn Rasoul war ein redseliger und lustiger Kerl, während Stibor kein einziges Wort sprach, aber dafür tatkräftig zupacken konnte. Gemeinsam hatten sie sich im Garten von Jakhars Anwesen versteckt. Die Plattform war seit fast einem Jahr unbewohnt und ziemlich verwahrlost. Perfekte Bedingungen also für einen Hinterhalt. Einige tage zuvor hatten sie bereits das Gelände ausgekundschaftet und dabei in Jakhars Villa einige Funkgeräte gefunden. Mit Hilfe dieser Funkgeräte konnten sie sich viel besser Koordinieren, was den Hinterhalt noch effektiver machte. Eine Stimme kam aus dem Funkgerät und Nanuk erkannte sie als die von Basko.
„Zielperson ist vor Ort. Zugriff!“ Basko zögerte keine Sekunde und gemeinsam mit Rasoul Und Stibor kamen sie aus ihrem Versteck hervor und rannten auf Delwyn und seine Männer zu. Die waren sichtlich überrascht und gerieten in Panik, denn einige seiner Männer versuchten die Plattform wieder zu verlassen, doch eine weitere Polizeieinheit war ihnen bereits in den Rücken gefallen. Basko kam mit einer weiteren Einheit von der Seite und kesselte Delwyn nun vollkommen ein. Basko hob den Schlagstock und schlug einem Steinbock ein Messer aus der Hand. Stibor und Rasoul hatten mit einem Wolf zu tun und Basko kämpfte sich zu Delwyn durch. Der Kampf war recht einseitig und es war offensichtlich, dass Baskos Polizei den Sieg erringen würde. Delwyn wich immer weiter zurück und stand schließlich mit dem Rücken zum Abgrund. Basko hatte ihn und seine Männer an den Rand der Plattform gedrängt. Rasoul und Stibor kümmerten sich mit einigen anderen Polizisten darum die überwältigten Verbrecher zu fesseln. Nanuk und Basko hingegen versuchten Delwyn zur Aufgabe zu bewegen.
„Gib auf Delwyn. Du stehst wortwörtlich am Abgrund.“ Basko hoffte, dass die ganze Aktion ohne einen Toten über die Bühne gehen würde.
„Vergiss es! Lieber sterbe ich, als dass ich mich von dir fangen lasse. Jakhar hätte dich damals töten sollen, als er die Gelegenheit dazu hatte.“ Delwyn spuckte und fletschte die Zähne.
„Na ein Glück, dass er es nicht getan hat.“ Basko wollte einen Schritt auf Delwyn zugehen, doch der Pudel ging einen Schritt zurück. Leider war es ein Schritt zu viel, denn das Holz der Plattform brach und Delwyn verlor den Halt. Der Pudel versuchte sich an der Kleidung eines Hasen festzuhalten, doch zog er ihn nur mit sich. Basko konnte nichts weiter tun, als zu beobachten, wie Delwyn und der Hase ihrem sicheren Tod entgegenstürzten. Als Delwyns Männer erkannten, dass Widerstand zwecklos war, ergaben sie sich. Basko schaute über den Rand der Plattform nach unten und sah die beiden Gefallenen auf dem Boden liegen. Einige Stadtbewohner kamen bereits angelaufen und wollten helfen, doch Basko brauchte nicht nachzusehen, um zu wissen, dass sie diesen Sturz nicht überlebt hatten. Es war zwar nicht das Ergebnis, das er sich erhofft hatte, doch ein Erfolg war ein Erfolg. Ein Problem weniger, um das er sich kümmern musste. Er freute sich schon auf den Tag, an dem er dem Volk den Sieg über die Syndikate berichten könnte.