Die folgende Kurzgeschichte entstand für einen Kurzgeschichtenwettbewerb. Thema des Wettbewerbs war: "Urbane Legenden"
Die Legende des Moosmannes ist eine Vogtländische Legende, welche in mehreren Versionen existiert. Hauptbestandteil dieser Legenden sind jedes Mal die Figur des Moosmannes und des Jägers. Sämtliche genannten Orte, sowie der Brauch der Mossmannfiguren an Weihnachten sind real existent. Im Rahmen dieser Kurzgeschichte habe ich mehrere Versionen der Legende in eine zusammenhängende Geschichte geschrieben.


Der Moosmann und der Mönch

 

„Opa!“ Die Stimmen meiner Enkel waren durch das ganze Haus zu hören, als meine Tochter mit ihrer Familie zu Besuch kam.
„Opa, bitte erzähl uns eine Geschichte!“
„Na jetzt kommt doch erst einmal an und zieht eure Jacken und Schuhe aus.“ Ich lächelte den beiden Kindern zu und half meiner Tochter dabei, ihnen die dicken Winterklamotten auszuziehen.
„Da seid ihr ja.“ Meine Frau kam aus der Küche und umarmte alle Anwesenden, bevor sie sich an unsere Tochter wandte. „Martina mein Schatz, kannst du mir noch ein wenig in der Küche helfen? Und Tom könnte vielleicht noch ein wenig Feuerholz aus dem Keller holen? Du weißt schon, wegen seinem Rücken...“ Der letzte Teil war geflüstert, doch ich konnte es deutlich hören. Meinem Rücken ging es ziemlich gut, doch mein Schwiegersohn sollte ruhig auch ein wenig arbeiten, bevor er sich den Bauch vollschlagen durfte. Für mich gab es eh wichtigeres zu tun, denn meine Enkel wollten eine Geschichte hören.
„Na was sagt ihr? Sollen wir ins Wohnzimmer gehen?“ Ich hatte den Satz noch gar nicht richtig beendet, als beide Kinder durch den Flur gestürzt waren und in unser Wohnzimmer rannten. Wir Erwachsenen lachten und ich folgte den Kindern. Das Zimmer war wie jedes Weihnachten reich dekoriert. Der Weihnachtsbaum mitsamt dazugehöriger Krippe war in die Ecke gestellt, an der normalerweise der Stapel Feuerholz lag, den nun mein Schwiegersohn wieder nach oben holen sollte. Die für unsere Region üblichen Lichterbögen standen in allen Fenstern und warfen ihr Kerzenlicht auf einige Nussknackerfiguren. Doch die Aufmerksamkeit der Kinder war auf eine kleine Figur gerichtet, aus der Rauch aufstieg, da darin eine Räucherkerze abbrannte und ihren würzigen Duft im Raum verteilte.
„Opa, was ist das für eine Figur?“ Die Kinder waren sichtlich überrascht von dieser Figur, die so gar nicht in ihr von Weihnachtsmännern und rotnäsigen Rentieren geprägtes Weihnachten passte.
„Das ist ein Moosmann.“ Ich setzte mich in meinen Sessel, der vor dem bereits warmen Ofen stand. Die Kinder setzten sich vor mir auf den Boden, doch waren sie absolut nicht mit dieser Antwort zufrieden gestellt.
„Was ist ein Moosmann?“ Man merkte, dass sie Zwillinge waren, denn diese Frage kam zeitgleich aus beiden herausgepoltert.
„Sagt bloß, ihr habt noch nie vom Moosmann gehört. Jeder hier im Vogtland kennt die Geschichte vom Moosmann und dem Mönch.“ Das war vielleicht etwas übertrieben, denn die vogtländische Sagengestalt des Moosmannes geriet mehr und mehr in Vergessenheit, so wie viele andere Bräuche und Sitten. Es bereitete mir jedoch eine pure Freude, wie ein Glänzen in den Augen meiner Enkel entstand. Ich hatte ihre Aufmerksamkeit gewonnen. „Der Moosmann und seine Frau waren kleine Waldgeister. Sie kleideten sich mit Moos und ernährten sich von allem, was der Wald ihnen gab. Doch jedes Jahr an Weihnachten verließen sie den Wald und kamen in die Häuser der Menschen, wo sie zwölf Tage und Nächte blieben, bevor sie dem Menschen für seine Gastfreundschaft dankten und einen Zweig zurückließen, dessen Blätter sich in pures Gold verwandelten.“ Mit jedem Wort öffneten sich die Münder der beiden Kinder immer weiter und schließlich konnte man ein leises Wow hören.
„Kommen diese Waldgeister heute auch zu uns ins Haus?“
„Ich fürchte nein. Der Moosmann und seine Frau hatten einen Feind. Er war nur bekannt als der Jäger und ihr könnt mir glauben, gejagt hat er sie. Aber lasst mich euch die Geschichte erzählen.“ Ich schaute kurz zur Tür und sah meine Tochter, die mit einem Grinsen im Gesicht den Kopf schüttelte und einige Gläser auf den Tisch zu stellen begann. „Also lasst mich mal sehen. Ich glaube es war vor über einhundert Jahren...“
 
 
Walther war ein junger Mann aus Reichenbach, das liegt im Vogtland. Sein Vater war der hießige Müller und damit war Walthers Leben von zu viel Arbeit, für zu wenig Geld geprägt. Der Dezember war sein liebster Monat, denn das bedeutete, dass er die meiste Freizeit hatte. Er ging an jenem Dezembertag auf den Reichenbacher Weihnachtsmarkt. Der Marktplatz war wie jedes Jahr mit vielen Ständen vollgestellt und viele Händler, aus anderen Städten, boten hier ihre Waren zum Verkauf an. Walther hatte kein bestimmtes Ziel, also lief er einfach nur über den Marktplatz und begutachtete die Stände. Einer der Stände fiel ihm auf, da er, anders als die meisten anderen Stände, sehr zurückhaltend geschmückt war. Einzig und allein die Figuren, die zum Verkauf standen, waren überall aufgestellt.
„Hallo junger Mann. Darf es vielleicht eine Figur des Moosmannes sein?“ Der alte Mann, dem der Stand zu gehören schien stützte sich auf seinen Stock und schaute über die vollgestellte Ladentheke zu Walther. „Wer weiß, vielleicht kommen sie ja zu dir, wenn sie sehen, dass du ein Freund bist und kein Lakai des Jägers.“
Walther lachte. „Haha. Dieser Moosmann ist doch nur eine Sagengestalt.“ Walther wollte schon weitergehen, doch der alte Mann schien nicht locker lassen zu wollen.
„Oh, ich würde nicht so einfach behaupten, dass es den Moosmann nicht gibt. Es gibt Gerüchte, dass er hier in Reichenbach gesehen worden sein soll.“
„Ketzerisches Altweibergeschwätz, nichts weiter.“ Ein Mönch in einer schwarzen Kutte kam an den Stand herangetreten. Es war Bruder Johannes. Der Mönch war Mitglied des Sankt Marienklosters, welches sich nicht weit entfernt vom Marktplatz befand. Die Mönche, und allen voran Bruder Johannes, waren bekannt dafür, eifrige Verfechter des Christlichen Glaubens zu sein und alles zu verteufeln, was nicht zu den Lehren des Christentums passte. Vor allem die örtlichen Mythen und Sagengestalten waren Bruder Johannes ein Dorn im Auge. „So etwas wie einen gütigen Waldgeist gibt es nicht.“
„Seid euch da mal nicht so sicher, mein werter Klosterbruder. Es gibt viele Leute, die berichten, sie gesehen zu haben. Sie wandern durchs Vogtland, immer auf der Flucht vor dem Jäger und seinen Dienern. Und jetzt sollen sie hier gesichtet worden sein.“ Der alte Mann schien vollkommen in seiner Rolle als Geschichtenerzähler aufzugehen. Walther fand, dass er etwas übertrieb, doch fand er es ganz witzig, dem wild gestikulierenden Mann zuzusehen.
„Soso, und wer soll sie gesehen haben?“ Bruder Johannes schien unbeeindruckt.
„Oh, ich kenne ihre Namen nicht, doch viele, die an meinem Stand vorbeikommen, sagen mir, dass sie eine Gestalt gesehen haben, die meinen Figuren ähnelt.“ Der alte Mann breitete seine Arme aus, um seine Figuren erneut anzupreisen. „Ganz gleich, ob ihr mir glaubt, oder nicht, doch ich rate euch, wenn ihr dem Moosmann oder seiner Frau begegnet, dann helft ihnen, wenn sie euch darum bitten. Sie werden euch mit einem Zweig belohnen, dessen Blätter zu purem Gold werden, sobald ihr euer Zuhause betretet.“ Der alte Mann nahm bei diesen Worten eine seiner Figuren in die Hand und Walther sah, dass diese Variante der Figur einen kleinen Zweig in der Hand hielt, dessen Blätter golden gefärbt waren. Gerade als Walther die Figur näher betrachten wollte, zog der Mann die Figur weg und mit tiefer, bedrohlicher Stimme fuhr er fort. „Doch hütet euch davor, ihnen die Hilfe zu verweigern. Wenn der Moosmann verärgert wird, dann wird euch seine Strafe treffen.“  Bei diesen Worten warf der alte Mann einen besonders durchdringenden Blick zu Bruder Johannes. Der hingegen war vollkommen unbeeindruckt.
„Du kannst mir keine Angst einjagen guter Mann. Diese Geschichten über den Moosmann und alle anderen Sagengestalten sind nichts weiter als Mythen und Aberglaube. Solche Wesen gibt es nicht.“ Der Mönch machte eine kurze Geste, die aussah, als wolle er den alten Mann mitsamt seinem Stand segnen und ging weiter über den Marktplatz. Walther schaute ihm nur hinterher, genauso wie der alte Mann.
„Pah, der Moosmann ist nicht real, aber seine Engel sind es oder was?“ Der alte Mann setzte sich mit grimmiger Miene auf seinen Stuhl und Walther entschied sich schnell weiter zu gehen, bevor er in irgendwelche religiösen Diskussionen hineingezogen wurde. Er ging an einigen Ständen vorbei, an denen es nach leckerem Essen duftete und nachdem er um eine Ecke bog, an der ein Stand war, der Lichterbögen verkaufte, die offensichtlich aus dem Erzgebirge stammten, kam er zu einem Stand, der offensichtlich einem Schmied gehörte. Vor der Verkaufsbude stand ein junges Mädchen. Es war Brigitte, die Tochter eines Bankangestellten, aus dem Nachbardorf Mylau. Walther und Brigitte waren ineinander verliebt, doch Brigittes Vater hatte etwas gegen diese Beziehung. Walther ging auf das Mädchen zu, welches ihn anlächelte, als sie ihn sah.
„Hallo Brigitte. Was machst du hier?“ Walther freute sich seine Freundin zu sehen, doch zeitgleich hielt er Ausschau nach ihrem Vater, der ihn nicht leiden konnte.
„Ich wollte einige Messer kaufen, als Weihnachtsgeschenk für meine Mutter. Sie meinte, ihre alten wären schon stumpf geworden, nachdem mein Vater in letzter Zeit so viele Festessen für seine Kollegen bei uns veranstaltet.“ Brigitte rollte mit den Augen. Ihr Vater war neu in der Bank und versuchte sich bei seinen Kollegen und vor allem seinen Vorgesetzten beliebt zu machen, indem er sie zu sich nach Hause einlud und von Brigittes Mutter bekochen ließ, während er mit ihnen im Wohnzimmer saß und über Politik und Religion diskutierte. „Was machst du hier?“
„Ich laufe nur ziellos durch die Gegend. Hey wollen wir uns nachher treffen?“ Walther hoffte, dass Brigitte ja sagen würde und sie sich an ihrem Lieblingsplatz im Wald treffen würden. Dort waren sie ungestört und fernab von ihren Eltern oder jeglichen Verpflichtungen. Doch bevor Brigitte antworten konnte, antwortete eine Männerstimme auf Walthers Frage.
„Meine Tochter wird sich nicht mit dir treffen!“ Es war Brigittes Vater, der hinter Walther aufgetaucht war. „Und schlag dir das aus dem Kopf, dass meine Tochter sich weiterhin mit dir abgeben wird. Sie hat etwas besseres verdient als einen bettelarmen Müllerssohn.“ Brigitte schaute betreten zu Boden. Walther konnte nicht anders. Er hatte es satt ständig von Brigittes Vater gedemütigt zu werden, also platzte es aus ihm heraus.
„Alles was Sie interessiert ist Geld. Ob ihre Tochter glücklich ist, das ist Ihnen doch vollkommen egal.“ Walther hatte die Fäuste geballt und merkte, wie er zitterte. Er war selbst erschrocken, über das , was er gerade gesagt hatte, doch in ihm brodelte es und er schaute Brigittes Vater weiterhin ruhig an. Dieser war sichtlich überrascht, angesichts dieses Ausbruchs, genauso wie Brigitte. Nach einem kurzen Augenblick fing er sich jedoch und stand nun Angesicht zu Angesicht vor Walther.
„Meine Tochter soll einen Mann haben, der sie finanziell versorgen kann und nicht einen Müllerssohn, der von Tag zu Tag sein Geld zusammenkratzen muss. Du hast Recht. Es ist mir dabei egal, ob sie glücklich ist, solange sie versorgt ist.“
„Also wäre es ihnen egal wer es ist, Hauptsache er hat Geld? Was wäre, wenn ich auf einmal genug Geld hätte, um Ihre Tochter zu ernähren?“ Walther konnte nicht anders. Er wusste, dass es unangebracht war, wie er mit Brigittes Vater sprach, doch es musste aus ihm heraus. Der ältere Mann begutachtete Walther nun von oben bis unten und lachte los.
„Wenn du auf einmal reich werden solltest, dann würde ich dir meine Tochter mit Handkuss geben, doch da das nie passieren wird... Komm Kind, wir gehen!“ Brigittes Vater packte sie am Arm und zerrte sie mit sich. Mit einem traurigen Blick drehte sie sich noch einmal zu Walther, bevor ihr Vater sie hinter einer Bude entlang, aus seinem Sichtfeld zog. In Walther kochte es. Er war so wütend, dass er am liebsten etwas zerschlagen hätte, doch das brachte nichts. Er beschloss, seine Wut im Wald auszulassen. Dort war er allein und konnte niemandem schaden und außerdem war er gern im Wald.
 
Der Wald von Reichenbach war riesig. Er lag in einem Tal, durch das ein Fluss floss, der den Namen Göltzsch trug. Walther lief über den schneebedeckten Waldboden, am Fluss entlang und versuchte sich zu beruhigen. Er war in Gedanken versunken, als er plötzlich im Schnee vor ihm einige seltsame Spuren bemerkte. Es sah so aus, als wäre jemand vor ihm hier entlang gekommen, doch das war unmöglich. Diese Spuren waren viel zu klein, als dass sie von einem Menschen stammten, doch er konnte eindeutig Spuren erkennen, die von winzigen Füßen stammen mussten. Er rieb sich die Augen und schüttelte mit dem Kopf, bevor er seinen Weg den Fluss entlang fortsetzte. Das hatte er sich bestimmt bloß eingebildet. Er schaute auf die andere Seite des Flusses und sein Blick blieb an einer Stelle hängen, an der es so aussah, als ob dort jemand stand. Doch da war niemand. Begann er zu halluzinieren? Walther wurde etwas seltsam in der Magengegend und er begann ein wenig schneller zu laufen. Er schaute noch einmal zu der Stelle, wo er dachte jemanden gesehen zu haben, und tatsächlich, da stand eine dunkle Gestalt. Sie war in dieser weißen Winterlandschaft vollkommen deplatziert, da selbst das Gesicht nicht richtig zu erkennen war, sondern alles war ein einziges schwarzes etwas. Erst als zwei rote Augen direkt Walther anstarrten, bekam dieser es mit der Panik zu tun. Er rannte los. Er hatte keine Ahnung wohin er rannte, das einzige was er wusste, war, dass er soviel Weg wie möglich zwischen sich und diese dämonische Gestalt bringen wollte. Er brauchte sich nicht umdrehen, um zu erkennen, dass die Kreatur die Verfolgung aufgenommen hatte. Walther rannte weiter und ihm entfuhr ein kurzer Schrei, als ein Pfeil in einem Baum schräg vor ihm einschlug. Diese Kreatur jagte ihn. Wieso jagte sie ihn? Was war dieses Ding überhaupt? Walther begann zu stolpern und fiel zu Boden. Als er wieder aufstehen wollte, schaute er in die Augen einer kleinen Gestalt, die direkt vor ihm stand. Sie trug ein Gewand aus Moos und auf dem Kopf hatte es einen kleinen Hut, an dem eine Eichel befestigt war. In einer seiner winzigen Hände, hatte es einen ebenso winzigen Stock, während es mit der anderen Hand wild vor Walthers Gesicht herumfuchtelte.
„Na los steh schon auf! Der Jäger ist direkt hinter dir.“ Die kleine Gestalt hatte eine hohe, piepsige Stimme. Walther stand auf und ein Pfeil schlug an der Stelle ein, wo kurz zuvor noch die Gestalt stand, die sich schwungvoll auf Walthers Schulter begeben hatte. „Schnell! Du musst drei Kreuze in den Baum ritzen!“ Walther wusste nicht, wieso, doch ohne zu zögern nahm er den Pfeil und ritzte damit drei Kreuze in einen Baum, der neben ihm wuchs. Gerade rechtzeitig wurde das dritte Kreuz fertig, als die dämonische Kreatur vor Walther auftauchte. Der Bogen mit dem angelegten Pfeil war bereits gespannt, doch eine unsichtbare Macht hielt die dunkle Kreatur zurück. Walther gefror das Blut in den Adern, als er in die roten Augen des Jägers schaute, die ihm direkt in die Seele zu blicken schienen. Der Jäger ließ den Bogen sinken und brachte sein rabenschwarzes Gesicht, in dem nur die beiden blutroten Augen zu erkennen waren so nah an Walthers Gesicht, wie es die unsichtbare Kraft zwischen ihnen erlaubte. Walthers Atem wurde schnell und flach und mit jedem Atemzug bildete sich eine feine Dunstwolke. Sein Verstand sagte ihm, dass er wegrennen sollte, doch sein Instinkt ließ ihn direkt vor dem Baum stehen, in den er kurz zuvor die drei Kreuze geritzt hatte. Die Augen des Jägers verengten sich plötzlich zu Schlitzen und ein Schrei hallte durch den Wald. Walther hielt sich die Ohren zu und schrie vor Schmerz, genauso wie der Moosmann, der immer noch auf Walthers Schulter gesessen war. Als der Jäger seinen Schrei beendet hatte versuchte eine pechschwarze Hand nach Walther und dem Moosmann zu greifen, doch kurz bevor sie die beiden erreichte wurde der Jäger von der unsichtbaren Kraft zurückgestoßen und die dunkle Gestalt verschwand.
„Was war das?“ Walther schaute auf die Stelle, an der soeben die Kreatur verschwunden war.
„Das war der Jäger. Ein wirklich grauenhafter Zeitgenosse.“ Der Moosmann war von Walthers Schulter geklettert und befand sich nun wieder auf dem Waldboden. Der Schnee war in einem Kreis um sie herum verschwunden und Walther hatte Mühe, den Moosmann vom Waldboden zu unterscheiden. „Er jagt mich und meine Frau. Leider hat er uns hier aufgespürt, nachdem wir Lengenfeld verlassen haben. Meine Frau wurde bei der Flucht verletzt und jetzt brauche ich einige Kräuter, um sie wieder gesund zu pflegen.“ Der Moosmann ging zu einem Korb, der fast so groß war, wie er selbst. Walther fragte sich, wie der Korb überhaupt hier hergekommen war.
„Du brauchst Kräuter? Du hast aber schon gesehen, dass wir Winter haben und alles zugeschneit ist?“ Walther schaute sich um. An manchen Stellen war zwar kein Schnee zu sehen, aber dennoch wusste er, dass die Chance gering war, im Dezember irgendwelche Waldkräuter zu finden.
„Oh das macht nichts. Ihr Menschen wisst nicht, wo ihr im Winter schauen müsst, aber ich finde sie schon. Ich könnte nur etwas Hilfe gebrauchen, damit es schneller geht. Die Zeit drängt, damit wir so schnell wie möglich in eines eurer Häuser kommen können, um uns vor dem Jäger zu verstecken.“ Der Moosmann brauchte definitiv Hilfe, denn er schaffte es nicht einmal, den Korb anzuheben. Walther seufzte und nahm den Korb des Moosmannes in die eine Hand und den Moosmann selbst in die andere.
„Ok ich helfe dir, aber du musst mir zeigen, wo wir hin müssen.“ Der Moosmann grinste Walther an und freudig zeigte er mit einem winzigen Finger in die Richtung, in die Walther gehen sollte. Walther lief los und folgte den Anweisungen des Moosmannes. Tatsächlich fanden sie einige Kräuter, die Walther noch nie zuvor gesehen hatte. Oft musste er dafür unter eine Tanne kriechen, oder einen schweren Stein anheben. Als der Korb randvoll gefüllt war, begaben sie sich auf den Weg zum Versteck des Moosmannes und seiner Frau.
„Hör mal, wenn ich euch irgendwie in mein Haus aufnehmen kann, um euch vor diesem Jägerdämonding, was auch immer, zu beschützen, dann tue ich das gern.“ Walther hatte Mitleid mit dem kleinen Mann. Er verstand nicht, wieso der Moosmann von dieser Kreatur gejagt wurde, doch er wusste, dass ihm der Moosmann weniger Angst machte, als dieser Jäger.
„Das ist wirklich nett, doch deine Schuld ist beglichen. Ich habe dich gerettet, und du hast mir geholfen.“ Der Moosmann sprang von Walthers Schulter und nahm den vollen Korb in Empfang, der plötzlich viel kleiner geworden war, so dass der Moosmann den Korb samt Inhalt ganz entspannt tragen konnte. Walther war überrascht, doch vielmehr noch wunderte ihn, dass ihm plötzlich ein Zweig entgegengestreckt wurde.
„Hier, der ist für dich. Das ist ein kleines Dankeschön für deine Hilfe.“ Der Moosmann streckte den Zweig in die Luft, und wieder fiel Walther auf, dass der Zweig größer geworden zu sein schien, denn er war plötzlich viel größer als der kleine Waldgeist. Walther nahm den Zweig dankend an und nachdem er sich von dem Moosmann verabschiedet hatte, steckte er den Zweig in seine Jackentasche und machte sich auf den Heimweg.
 
Zuhause angekommen atmete Walther erst einmal tief durch. Er würde einige Zeit brauchen, um die heutigen Erlebnisse zu verarbeiten. Nachdem er sich die Jacke ausgezogen hatte, griff er in die Tasche, um den Zweig herauszuholen, doch dort war kein Zweig. Walther fand jedoch in seiner Jackentasche mehrere goldene Münzen. Er holte sie heraus und sah sie mit großen Augen an. Die Geschichte des alten Mannes vom Weihnachtsmarkt stimmte. Jedes Wort, das er erzählt hatte, war wahr. Walther konnte seinen Augen nicht trauen, als er noch mehr Münzen aus seiner Tasche holte. Er griff noch einmal hinein und wieder hatte er eine ganze Hand voller Goldmünzen. Er hatte keine Ahnung, wieviel Geld er nun besaß, doch er wusste, dass Brigittes Vater jetzt nachgeben musste. Er stopfte sich die Münzen zurück in seine Tasche und lief sofort zu Brigittes Haus. Auf dem Weg begegnete er Bruder Johannes.
„Mein Sohn, warum so eilig?“ Walther blieb stehen und grinste den Mönch an.
„Bruder Johannes, Ihr werdet es nicht glauben! Die Geschichte des Mannes auf dem Weihnachtsmarkt stimmt.“ Walthers Stimme überschlug sich fast. Er kramte in seiner Jackentasche und holte eine einzelne Goldmünze daraus hervor. „Der Moosmann existiert! Das hier habe ich bekommen als Dank für meine Hilfe.“ Der Mönch schaute Walther misstrauisch an. Er wusste nicht, ob der Müllersjunge ihm einen Streich spielen wollte, oder ob er vielleicht übergeschnappt war.
„Walther, sag die Wahrheit! Du weißt, dass Lügen eine Sünde ist. So etwas wie den Moosmann gibt es nicht. Wo hast du die Goldmünze wirklich her?“ Walther war verwirrt. Wie konnte der Mönch immer noch glauben, dass der Moosmann nicht existierte, wenn er doch das Gold in den Händen hielt?
„Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann geht ins Göltzschtal. Dort findet ihr eine alte Eiche, in die ich drei Kreuze geritzt habe, als der Jäger mich verfolgt hat. Das hat mir der Moosmann gesagt, dass mich das rettet. Vielleicht trefft Ihr ihn ja auch.“ Walther steckte die Münze zurück in seine Tasche und ließ den kopfschüttelnden Mönch stehen. Bruder Johannes machte sich Sorgen um Walther, doch noch mehr Sorgen machte er sich, dass der Junge vielleicht doch die Wahrheit sagen könnte. Wenn wilde Dämonen in den Wäldern um Reichenbach ihr Unwesen trieben, dann konnte er das nicht dulden. Er entschloss sich, der Sache auf den Grund zu gehen und machte sich auf den Weg in den Wald. Es war noch genug Zeit, bis es dunkel wurde und er war sich sicher, dass sein Glaube ihn schützen würde.
 
Als Bruder Johannes an der Göltzsch entlang lief, konnte er der Spur von Walthers Fußabdrücken im Schnee gut folgen. Er lief den Weg entlang und blieb an der Stelle stehen, an der Walther den Jäger gesehen hatte. Er begutachtete die Spuren und fragte sich, wieso Walther scheinbar abrupt vor etwas geflohen zu sein schien. Das musste die Stelle sein, an der der Junge auf den Dämon getroffen war, und tatsächlich, als Bruder Johannes die Gegend absuchte, sah er auf der anderen Uferseite eine dunkle Gestalt. Er breitete die Arme aus und begann die Kreatur anzusprechen.
„Weiche Satan! Im Namen des...“ Weiter kam der Mönch nicht, denn ein Pfeil verfehlte nur knapp seinen Kopf. Instinktiv drehte Bruder Johannes um und rannte in den Wald hinein. Getrieben von Angst stolperte der Mönch immer weiter durch den Wald und schrie jedes Mal leicht auf, als ein Pfeil haarscharf an ihm vorbei zischte. Als er an eine Felswand kam, wusste er, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Er hatte keine Möglichkeit zur Flucht. Er drehte sich um und erwartete den tödlichen Schuss, als eine piepsige Stimme ertönte.
„Schnell, du musst drei Kreuze machen!“ Der Mönch wusste nicht, woher die Stimme kam, doch er vertraute darauf, dass sie ihn retten wollte. Schnell bekreuzigte er sich drei mal und faltete danach seine Hände zum Gebet. Nachdem er sein Gebet beendet hatte, öffnete er seine, bis dahin fest verschlossenen Augen und blickte direkt in die blutroten Augen des Jägers, der bis auf wenige Millimeter an ihn herangekommen war. Der Mönch spürte, wie das Blut aus seinen Adern wich und seine Knie begannen weich zu werden. Dennoch blieb er standhaft und schaute dem Monster direkt in die Augen. Der Jäger schrie und Bruder Johannes hielt sich die Ohren zu. Kurz darauf wich die Gestalt zurück und verschwand in der bereits einsetzenden Abenddämmerung.
„Da hast du aber Glück gehabt, dass diese drei Kreuze funktioniert haben.“ Bruder Johannes schaute verwundert zu seinen Füßen, denn aus dieser Richtung kam die piepsige Stimme. Vor ihm sah er die kleine Gestalt, welche mit Moos bekleidet war. „Ich bin der Moosmann. Das ist es doch, was du fragen willst, oder?“
„Dich gibt es wirklich!“ Bruder Johannes traute seinen Augen nicht. Erst diese dämonische Gestalt und jetzt auch noch die Kreatur aus der Geschichte des alten Mannes.
„Natürlich gibt es mich. Dich gibt es doch auch. Sag guter Mönch, kannst du mir bitte helfen?“ Der Moosmann faltete die Hände und sah mit flehendem Blick zu Bruder Johannes hinauf.
„Dir helfen? Wieso sollte ich dir helfen?“ Der Mönch war verwirrt.
„Na weil ich dir geholfen habe. Ich hab dir doch gesagt, dass du drei Kreuze machen musst. Auch wenn ich eigentlich etwas anderes erwartet habe, als das, was du da getan hast.“ Bruder Johannes traute seinen Ohren nicht. Diese Kreatur war das gewesen? Er war sich sicher gewesen, dass es die Stimme eines Engels war, die ihn gerettet hatte.
„Du hast mich gerettet? Ich glaube nicht. Das war Gottes schützende Hand, die mich gerettet hat.“
„Jaja wie auch immer. Du schuldest mir trotzdem etwas. Ich bitte dich guter Mann, können meine Frau und ich in deinem Haus Unterschlupf suchen? Sie ist schwer verletzt und wird vielleicht sterben, wenn wir uns nicht an einem warmen Ort vor dem Jäger verstecken können.“ Der Moosmann bekam Tränen in den Augen, doch Bruder Johannes blieb hart.
„Eine Kreatur, wie du, fordert Einlass in ein Haus Gottes? Niemals!“ Bruder Johannes wollte diesen Ort verlassen, doch der Moosmann hielt ihn an seiner Kutte fest.
„Aber du musst deine Schuld begleichen. Wenn du uns schon nicht in dein Haus lassen willst, kannst du dann wenigstens meiner Frau den letzten Segen geben? Sie wird sterben und wenigstens ihre Seele soll deine Hilfe erhalten.“ Das war zu viel für Bruder Johannes. Diese unheilige Kreatur verlangte von ihm die Letzte Segnung? Der Zorn stieg in ihm auf und er brüllte den Moosmann an.
„Ich schulde dir gar nichts du Kreatur der Hölle. Es war Gottes Segen der mich beschützt hat und nicht du. Jetzt lass mich in Ruhe und verschwinde. Sei froh, dass ich dich nicht in deine dämonische Hölle zurück verbanne, aus der du gekrochen bist.“ Mit einem Tritt befreite der Mönch sich aus dem Griff des Moosmannes. Der wurde nun scheinbar auch zornig, denn er ballte seine kleinen Fäuste und sah den Mönch mit einem finsteren Blick an.
„Hart wie ein Stein ist dein Herz, Mönch, so sollst du ganz zu Stein werden und bis in alle Ewigkeit hier an dieser Stelle stehen bleiben. Allen zur Mahnung, die ebenso hartherzig zu anderen Menschen sind, wie du.“ Als die Formel ausgesprochen war, begann der Mönch in seiner Bewegung zu stocken.
„Was passiert hier? Was hast du mit mir gemacht?“ Bruder Johannes schaute an sich herab und stellte entsetzt fest, dass seine Füße bereits zu Stein erstarrt waren und die Versteinerung immer weiter an ihm hinaufkroch.
„Ich habe dich bestraft, denn das ist es, was du verdienst.“ Mit diesen Worten verschwand der Moosmann. Bruder Johannes begann zu beten und während er im Gebet war, wurde er vollends zu Stein, so wie es der Fluch des Moosmannes gesagt hatte.
 
 
Als ich die Geschichte beendet hatte, war das erstaunen in den Augen meiner beiden Enkel abzulesen. Es dauerte nicht lang, bis sie anfingen Fragen zu stellen.
„Was ist aus Walther und Brigitte geworden? Steht der Mönch immer noch in dem Wald?“
„Ist die Frau vom Moosmann wirklich gestorben? Ist das wirklich hier in Reichenbach passiert?“
„Kinder, jetzt lasst euren Opa doch erstmal eine Frage beantworten.“ Meine Tochter kam lachend in das Zimmer gelaufen. Sie hatte mehrere Teller dabei und begann den Tisch zu decken.
„Also Kinder, was ist aus allen geworden?“ Die Kinder konnten nicht abwarten, bis ich ihnen alles erzählt hatte. „Walther lief zu Brigittes Haus und konfrontierte ihren Vater mit dem Gold des Moosmannes. Der hatte allerdings behauptet, Walther hätte das ganze Gold gestohlen und er sei nichts weiter als ein elender Dieb, mit dem seine Tochter nichts zu tun haben sollte.“
„Boah wie fies!“ Wieder waren es beide Kinder, die zeitgleich die gleiche Antwort gaben.
„Das stimmt, das war ganz schön fies. Deshalb kam es auch, dass Brigittes Mutter den beiden half und Walther zusammen mit Brigitte durchbrennen konnte und so dank des Goldes des Moosmannes ein neues Leben weit weg von Reichenbach beginnen konnte.“ Ich sah im Augenwinkel nur wie meine Tochter während des Tischdeckens mit dem Kopf schüttelte. Sie sah mich an und wir beide mussten grinsen, bevor sie wieder in die Küche ging.
„Die Moosfrau ist leider tatsächlich an jenem Tag verstorben, da der Mönch ihnen die Hilfe verweigert hatte. Was mit dem Moosmann und dem Jäger geschehen ist, weiß ich nicht, denn seit jenem Tag wurden sie nie wieder irgendwo gesehen. Vielleicht sind sie heute noch da draußen und der Moosmann flieht vor dem Jäger, oder aber der Jäger hat auch den Moosmann erwischt und hat seine Aufgabe beendet.
„Und der Mönch? Steht der immer noch im Wald?“ Die Neugier war immer noch nicht befriedigt.
„Ihr kennt doch den Brunnen auf dem Reichenbacher Marktplatz oder?“ Ich wusste bereits, welche Antwort von den beiden kommen würde. Die Kinder schüttelten, wie ich es erwartet hatte, mit dem Kopf. „Na dann würde ich sagen, nach dem Essen machen wir einen Spaziergang dorthin. Der Mönch stand nämlich lange Zeit in dem Wald und wurde vollkommen vergessen. Erst einige Jahrzehnte später, als Reichenbach wuchs und die Holzfäller die Wälder rodeten um Bauholz zu bekommen, hat man den Mönch gefunden. Die Menschen haben sich jedoch gewundert, wieso so eine perfekt gearbeitete Statue mitten im Wald stand, wo sie niemand sehen konnte. Der Mönch wurde also von den Holzfällern nach Reichenbach zurückgebracht und ziert nun den Brunnen auf dem Marktplatz. Sollen wir uns den nachher gemeinsam ansehen?“ Ich wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach, denn die Figur wurde vor einigen Jahren von einem Künstler erschaffen und von der Stadt auf dem Marktplatz aufgestellt, doch die Kinder waren begeistert.
„Ja! Können wir uns den Mönch ansehen? Bitte, bitte, bitte.“
„Jetzt lasst uns erstmal essen und danach können wir mit Oma und Opa einen Spaziergang machen, was sagt ihr dazu?“ Meine Tochter hatte nun gemeinsam mit meiner Frau und meinem Schwiegersohn das Essen auf den Tisch gestellt. Wir setzten uns nun also an den Esstisch und schlugen uns den Bauch voll. Ein kleiner Spaziergang nach dem Essen würde uns auf jeden Fall gut tun, dachte ich. Und wer weiß, vielleicht würden wir sogar Spuren eines Moosmannes finden, wenn wir wieder nach Hause kamen.