Die folgende Kurzgeschichte entstand als Aufgabe von Instagram.

Thema war: Der Läufer

 

Der Läufer von Marathon

 

Miltiades schaute grimmig auf den Bericht seiner Späher. Dareios und seine Perser waren zahlreicher in sein Land eingefallen, als er es erwartet hätte. Unter diesen Umständen war eine Niederlage mehr als offensichtlich. Die Athener Soldaten waren gut ausgebildet, doch einer solchen Übermacht konnten sie nichts entgegenbringen. Es gab nur einen einzigen Ausweg. Er musste einen Boten zu den Spartanern schicken und sie um ihre Unterstützung bitten. Miltiades ließ den schnellsten Läufer zu sich rufen, den er finden konnte. Ein junger Bursche betrat das Zelt. Er war nicht älter, als zwanzig Jahre und er war dürr, doch versicherte man Miltiades, dass niemand in ganz Athen es mit diesem Jungen Boten aufnehmen konnte.
„Wie ist dein Name mein Junge?“ Miltiades musterte den Knaben erneut und hatte Zweifel, dass er auch nur die Hälfte der Strecke schaffen würde, bevor er zusammenbrechen würde.
„Pheidippides, mein Herr.“ Trotz des kläglichen Äußeren des Burschen musste Miltiades eingestehen, dass das Lächeln des Jungen etwas Einnehmendes hatte.
„Du weißt, wieso ich dich rufen ließ? Ich brauche einen Boten, der schnellstmöglich eine Nachricht nach Sparta zu König Ephialtes bringt. Athen und Sparta haben nicht das allerbeste Verhältnis, aber er muss uns unverzüglich Truppen schicken, ansonsten werden wir diese Schlacht gegen die Perser verlieren.“
„Verstanden. Ich mache mich sofort auf den Weg.“ Pheidippides sprudelte vor Tatendrang. Miltiades gefiel diese Einsatzbereitschaft. Dennoch machte er sich immer noch Sorgen.
„Sparta ist weit entfernt. Wir brauchen so schnell wie möglich Hilfe. Wir können die Schlacht vielleicht ein paar Tage aufschieben, doch je länger wir warten müssen, umso stärker wird auch der Feind.“ Miltiades sprach mehr mit sich selbst, doch Pheidippides schien verstanden zu haben. Der Bote verbeugte sich und verließ das Zelt.
Pheidippides machte sich umgehend auf den Weg zu den Stallungen. Er wäre schneller, wenn er ein Pferd hatte, also wollte er sich eines besorgen. Als er die Stallungen betrat ging er Zielstrebig zu einem schönen, stark aussehenden schwarzen Hengst. Er holte einen Sattel und wollte ihn gerade dem Pferd überwerfen, als hinter ihm eine Stimme losbrüllte.
„HEY! Was denkst du was du da machst?“ Es war der Stallmeister.
„Ich muss einen Botengang für Miltiades erledigen. Ich brauche das Pferd um ihn schneller zu erledigen.“
„Und wenn du einen Botengang für Zeus persönlich erledigen musst. Diese Pferde brauchen wir für die Schlacht, also verzieh dich.“ Der Stallmeister schob Pheidippides unwirsch aus dem Stall und verwehrte ihm den erneuten Zutritt.
Pheidippides hatte keine andere Wahl, als einfach loszulaufen. Er sprintete los und verließ das Lager der Athener. Er bog auf die Straße ein, die ihn von Marathon fort führte und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Sparta.
Pheidippides lief bereits den halben Tag, als er an einen Fluss kam. Er sah schon von weitem einen Karren und mehrere Leute darum stehen. Als er näher kam, grüßte er die Menschen, die scheinbar Händler waren.
„Seid gegrüßt gute Leute, was ist mit der Brücke passiert?“ Die Brücke, die einen über den Fluss hätte führen sollen, war eingestürzt.
„Wir wissen es nicht. Sie war bereits so, als wir hier ankamen.“ Das war schlecht. Pheidippides musste diesen Fluss unbedingt überqueren. Wenn er keine Brücke hatte, würde ihn das viel Zeit kosten.
„Wisst ihr, ob es eine andere Brücke in der Nähe gibt?“
„Es gibt eine weitere, ungefähr dreißig Kilometer weiter den Fluss hinab.“ Der Händler zeigte in die Richtung, in die der Fluss lief. Pheidippides überlegte. Wenn er die andere Brücke nutzen würde, käme er schnell auf die andere Seite, doch der Umweg selbst würde ihn viel Zeit kosten. Er hatte einen Entschluss gefasst und sprang kurzerhand ins Wasser des Flusses. Die überraschten Händler sahen, wie Pheidippides gegen die Strömung ankämpfte und auf die andere Seite schwamm. Drüben angekommen kletterte er ans Ufer. Es hatte zwar länger gedauert, als wenn er einfach hätte über die Brücke laufen können, doch machte er sich erneut auf den Weg.
Die Nacht war hereingebrochen, doch Pheidippides dachte nicht daran eine Pause einzulegen. Er lief immer noch so schnell er konnte. Sein Körper schmerzte von der anhaltenden Rennerei, doch er hatte eine Aufgabe zu erledigen. Für einen kurzen Moment wurden seine Augen schwer, doch ihn durchfuhr ein Schwung Adrenalin, als er hinter sich Wolfsgeheul hörte. Es war zwar unwahrscheinlich, dass die Wölfe ihn auf der Straße angreifen würden, doch wollte er nicht testen, ob seine Vermutung der Wahrheit entsprach. Er legte einen Zahn zu und ignorierte die Schmerzen in seiner Seite. Er hörte erst auf zu rennen, als er eine Ansiedlung erreichte, in der er kurz etwas Essen und Trinken konnte. Die Tavernenwirtin bot ihm auch einen Schlafplatz an, doch er lehnte dankend ab. Er hatte mit dieser kurzen Pause schon genug Zeit verschwendet. Er machte sich erneut auf den Weg und beschloss die Nacht durchzulaufen.
Er hatte endlich die Ländereien Spartas erreicht. Bis zur Hauptstadt war es nicht mehr weit. Bis zum Abend sollte er seine Botschaft an Ephialtes überbracht haben. Er freute sich bereits darauf ein heißes Bad zu nehmen und seine brennenden Muskeln zu entspannen. Er wurde jedoch aus seinem Tagtraum gerissen, als eine raue Stimme ihn ansprach.
„Geld her! Sofort!“ Der Bandit und seine Freunde waren bewaffnet. Pheidippides überlegte, wie er aus dieser Situation herauskommen konnte. Er hatte weder eine Waffe um sich zu verteidigen, noch hatte er Geld dabei, das er diesen Räubern hätte geben können. Er entschloss sich das zu tun, das er am besten konnte. Weglaufen. Er schubste einen der Banditen aus dem Weg und rannte so schnell, wie nie zuvor. Er schaute nicht nach, ob die Räuber ihm folgten, doch das war auch nicht nötig, denn mehrere Pfeile verfehlten ihn nur knapp. Er wusste nicht, wie lang er rannte, doch nach einiger Zeit hörten die Pfeile auf an ihm vorbeizufliegen und als die Stadt Sparta endlich in Sichtweite war, begann Pheidippides einen ruhigeren Trab als einen Sprint durchzuführen.
Es dauerte Pheidippides viel zu lang, doch der König wollte ihn warten lassen. Die Spartiaten feierten gerade Karneia, ein wichtiges Fest, welches für gewöhnlich sechs Tage lang dauerte. Die Tür zum Thronsaal öffnete sich und Pheidippides konnte endlich vor König Ephialtes treten. Der König der Spartaner war bekannt für seine arrogante Art.
„Wer bist du und was willst du? Und mach schnell, denn ich habe ein Fest zu feiern.“ Ephialtes war vollkommen anders als Miltiades, doch Pheidippides musste seinen Stolz herunterschlucken und seine Aufgabe beenden.
„Mein Name ist Pheidippides. Ich bin ein Bote im Auftrag von Miltiades von Athen. Er schickt mich, um euch um Hilfe im Kampf gegen Dareios und die Persische Armee zu bitten. Ohne Sparta wird Athen die Schlacht bei Marathon verlieren und dann ist die gesamte Griechische Welt in Gefahr.“ Es war vollbracht. Pheidippides hatte geschafft, was sonst keiner konnte. In zwei Tagen war er die gewaltige Strecke von Marathon nach Sparta gelaufen. Jetzt musste Ephialtes nur noch seine Männer mobilisieren und Miltiades zu Hilfe eilen.
„Das Orakel von Delphi hat uns gesagt, dass wir dieses Fest nicht abbrechen dürfen, sonst blüht uns großes Unheil.“ Pheidippides fühlte sich, als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen.
„Aber...Miltiades braucht euch. Ihr könnt nicht einfach eure Hilfe verweigern.“
„Kann ich das nicht?“ Ephialtes arroganter Blick machte Pheidippides wütend.
„Ich bin extra hier her gerannt um euch diese Botschaft zu bringen. Ich bin zwei Tage durchgerannt. Ich bin durch einen Fluss geschwommen, bin vor Wölfen davongelaufen und wäre fast überfallen worden. Miltiades verlässt sich darauf, dass ich euch meine Botschaft überbringe und mit euch zurückkehre.“
„Tja nur schade, dass Miltiades‘ Bote Sparta nie erreicht hat.“ Pheidippides spürte einen stechenden Schmerz in seiner Brust, der anders war, als zuvor, als sein Körper vom Rennen erschöpft war. Ungläubig sah er an sich hinab und sah die Klinge eines Schwertes aus seinem Brustkorb ragen. Als das Schwert aus ihm herausgezogen wurde, fiel er zu Boden und sah, wie sein Blut auf den Boden vor Ephialtes floss.
„Kann mal jemand den Müll hier wegräumen? Ich habe ein Fest zu feiern.“ Das arrogante Grinsen des Spartiatenkönigs war das letzte, das Pheidippides sah. Danach wurde es schwarz um ihn herum.