Kurzgeschichte für einen Literaturwettbewerb des Literaturhaus Zürich. Wettbewerbsthema war "Sehnsucht"

Sehnsucht

 

Ich habe Leute immer belächelt, wenn sie sagten, sie würden sich nach etwas sehnen. Es waren immer so belanglose Dinge, wie beispielsweise ein Urlaub am Meer. Ich habe nie verstanden, wie dieses Gefühl einen beeinflussen und lenken, wie es sich sogar in den Gedanken eines Menschen einpflanzen kann. Hatte ich jemals so etwas wie Sehnsucht gefühlt? Ich bezweifle es, denn ich war immer zufrieden mit dem, was ich hatte. Doch jetzt weiß ich, was Sehnsucht bedeutet. Doch ich sehne mich nicht nach einem Urlaub oder irgendetwas anderem, sondern ich sehne mich einfach nur nach Normalität.
„Um das deutsche Gesundheitssystem vor der Überlastung zu schützen, wird ein deutschlandweiter Lockdown beschlossen.“
Wir wussten nicht, was dieser Satz bedeuten würde. Wir blieben brav Zuhause und lebten in einer neuen Normalität. Wir trugen Masken und hielten Abstand, um unsere Liebsten und Schwächsten zu schützen. Das Virus war neu, unbekannt und aggressiv. Bilder aus Italien liefen in den Nachrichten rauf und runter. Uns wurde gezeigt, wie sich die Menschen in den Krankenhäusern stapelten. Wir blieben Zuhause, hielten Abstand und trugen Masken.
„Diese Maßnahmen verstoßen gegen unsere Grundrechte!“
Demonstrationen wurden zur neuen Normalität. Maskenverweigerer, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker gingen Hand in Hand mit Familienmenschen, Doktoren und anderen Leuten, von denen ich erwartet hätte, dass sie den Sinn der Maßnahmen verstehen würden. Oder war am Ende ich derjenige, der falsch lag? Waren diese Maßnahmen wirklich überzogen und ungerecht?
Nein! Sie waren es, die verblendet waren. Sie ließen Radikale in ihre Mitte. Das war nicht Normal. Die Stimmung war am kippen, denn niemand wusste, wie lang all das gehen würde.
„Der Lockdown wird beendet, doch die Maskenpflicht und die Hygienemaßnahmen bleiben bestehen. Der Schutz der Alten und Schwachen hat oberste Priorität.“
Endlich war der Lockdown vorbei. Wir durften wieder arbeiten. Ich dachte, das schlimmste wäre überstanden. Meine Sehnsucht hielt sich noch in Grenzen, denn es ging uns noch vergleichsweise gut. Und wieder belächelte ich diejenigen, die Sehnsucht nach einem Urlaub am Meer hatten. Schlimmer noch, denn ich verurteilte sie.
„Verstehen die denn nicht, dass damit alles nur wieder von vorn losgeht? Die schleppen uns das Virus doch erneut nach Deutschland rein, wenn sie aus dem Ausland wiederkommen.“
Ich verstand nicht, wie man es nicht fertig brachte, einen Sommer lang auf seinen alljährlichen Mallorcaurlaub zu verzichten. Doch zumindest ging das Leben weiter und man konnte ein wenig aufatmen, solang die Maske es einem erlaubte. Und wir trugen brav unsere Masken, hielten Abstand und befolgten die Maßnahmen.
Sie nannten uns Schlafschafe und kamen mit alternativen Medien, die ihre alternativen Fakten in die Welt hinausposaunten. Die Stimmung wurde immer aggressiver und in den Sozialen Medien entbrannte ein regelrechter Glaubenskrieg über Themen wie Impfungen, Maskentragen und Hände waschen. Man kam nicht an der Meinung anderer vorbei, ohne in ein Lager gesteckt zu werden. Davon gab es nur noch zwei, die Querdenker und die Schlafschafe. Schwarz und Weiß war das einzige, was diese Welt noch zu kennen schien. Die Nachrichten jagten sich selbst, mit immer noch apokalyptischeren Nachrichten.
„Sechsundfünzig Menschen an Hirnvenenthrombosen, nach Impfung mit Astra Zeneca gestorben.“
„Steigende Inzidenzen durch Reiserückkehrer“
„Ausgangssperren beschlossen! Nur Systemrelevante Berufe ausgenommen.“
Systemrelevant. Das war auch so ein neues Wort, das dafür geschaffen war, um von mir gehasst zu werden. Es teilte mir unterschwellig mit, dass ich nicht wichtig bin, dass das was ich beruflich tat überflüssig war. Doch es war normal geworden, diese Dinge hinzunehmen und sich an die Regeln zu halten. Es war normal, sich im Internet gegenseitig zu zerfetzen.
„Mir egal, solange ich meinen Job machen kann.“
Ich war voller Hoffnung. Ich hoffte, dass der drohende zweite Lockdown ausbleiben würde, hatte doch auch die Politik zuvor gesagt, dass es einen zweiten Lockdown nicht geben würde. So wie mir ging es vielen Menschen und wir alle waren absolut naiv.
„Um die steigenden Inzidenzen zu bekämpfen und um das Gesundheitsystem zu schützen, wird ab November ein vierwöchiger Lockdown light durchgeführt.“
Lockdown light war wieder so eine neue Wortschöpfung. Ich fand sie wieder bescheuert. Entweder man war im Lockdown, oder man war es eben nicht. Da gibt es keine Lightversion, selbst wenn sie nur vier Wochen dauern sollte. Diese Nachricht traf mich mit aller Gewalt, denn ich fühlte mich unfair behandelt. Wir hatten uns an alles gehalten. Wir trugen unsere Masken, hielten Abstand und befolgten die Regeln. Und dennoch waren wir die ersten, die durch diesen Lockdown light schließen mussten. Wieder brach meine Existenz zusammen, denn ich hatte mich erst vor zwei Jahren selbstständig gemacht und war noch nicht finanziell abgesichert. Es gab natürlich Hilfen vom Staat, doch ich wollte arbeiten und nicht Zuhause rumsitzen.
„Vier Wochen? Wer‘s glaubt! Das geht mindestens bis April oder Mai.“
Ich hatte Angst. Angst davor, Recht zu haben. Ich fiel in ein Loch, in dem ich das erste Mal auf ein Gefühl traf, das ich bis dahin immer belächelt hatte. Ich spürte Sehnsucht. Nicht nach Urlaub, sondern ich spürte Sehnsucht nach Arbeit. Sehnsucht nach Sicherheit. Ich wollte meinen Beruf ausüben, doch alles was mir blieb, war, in den Sozialen Medien meine Meinung zum Besten zu geben.
„Was bringt das? Die Politiker lesen das eh nicht und wenn doch, dann interessiert es sie nicht.“
Es dauerte, bis ich erkannte, dass die Sozialen Medien und die Nachrichten mir nicht gut taten. Ein politischer Skandal nach dem nächsten jagte durch die Zeitungen und wurde sofort von mir im Internet diskutiert. Meine Sehnsucht, gehört zu werden, wurde unermesslich, doch ich merkte, dass meine Bemühungen vergebens waren. Ich wandte mich ab und konzentrierte mich auf das, was mich vorwärts brachte. Ich suchte nach neuen Hobbys, verbrachte Zeit mit meiner Familie und konzentrierte mich auf meine Arbeit, die mittlerweile Online auf einem Bildschirm stattfand. Vor einem Jahr noch unvorstellbar, war es nun zur Normalität geworden, doch ein Teil von mir wollte das nicht akzeptieren. Diese Situation würde niemals Normal für mich werden.
„Der Lockdown wird beendet und wir führen ein neues Ampelsystem ein, welches uns erlaubt, weitere Lockerungen zu beschließen.“
Ich sitze hier und denke über die letzten, fast zwei Jahre nach. Ich bin geimpft, wie so viele andere und ich trage brav meine Maske, halte Abstand und befolge die Regeln. Ich kann wieder arbeiten und werde kaum noch durch Maßnahmen darin eingeschränkt. Und dennoch sehne ich mich danach, auch die letzten Reste dieser Zeit zu entfernen. Die Dinge, die mich immer noch daran erinnern, dass es immer noch nicht so ist, wie es früher war. Ich sehne mich danach die Masken wegzuwerfen, die Plexiglasscheiben zu entfernen und wieder unbeschwert durch mein Leben zu gehen, ohne darüber nachzudenken, ob ich gegen eine Hygieneregel verstoßen könnte. Ich sehne mich nach dem langweiligsten, wonach man sich sehnen kann.
Ich habe Sehnsucht. Sehnsucht nach dem, was war. Sehnsucht nach Normalität.